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Rebekka Karijord "Mother Tongue"

Ich weiß nie so genau, wovon meine Alben eigentlich handeln, bis sie so gut wie fertig sind“, sagt Rebekka Karijord über ihr neues Album Mother Tongue. „Es ist eher ein unterbewusstes Zusammentragen von Dingen: Ich schieße meine Pfeile ins Dunkel – und ziehe dann hinterher, um zu sehen, wo sie wohl gelandet sind. Dieses Mal jedoch lief’s dann doch etwas anders...“

Ziemlich anders sogar: Karijord schrieb weite Teile von Mother Tongue nach der extrem problematischen und traumatischen Geburt ihrer ersten Tochter, die drei Monate zu früh geholt werden musste, und so klingt sie auf den 11 Songs des neuen Longplayers so ehrlich und persönlich wie nie: Wie eine Sammlung von autobiografischen Kurzgeschichten, umkreisen die Songs die verschiedenen Stationen der Schwangerschaft, die damit verbundenen Gefühle – und natürlich auch die Angst, ihr Baby wieder verlieren zu können. Allerdings ist Mother Tongue sehr viel mehr als ein reines Konzeptalbum zu diesen persönlichen Erlebnissen: Es geht vielmehr um Instinkte ganz allgemein, um Zugehörigkeit – und darum, eine eigene emotionale Sprache zu finden.

Karijord – die in Sandnessjøen im nördlichsten Teil Norwegens zur Welt kam, quasi direkt am nördlichen Polarkreis, um zur Jahrtausendwende nach Schweden zu gehen, wo sie ursprünglich Schauspielerin werden wollte – war im siebten Monat schwanger, als sie sich in eine Klinik begab: „Ich hatte ein paar Tage lang dieses Gefühl gehabt, dass irgendetwas nicht stimmte“, erinnert sie sich an jene Tage, in denen ihr Mutterinstinkt einsetzte – was ihrer Tochter schließlich das Leben retten sollte. „Es war nur so ein Gefühl, also nichts Körperliches. Ich rief abends um sieben im Krankenhaus an und zunächst wollten die gar nicht, dass ich komme, weil ja nichts Konkretes vorlag. Ich solle mich da doch eher an meine Hebamme wenden. Aber aus irgendeinem Grund ließ ich nicht locker und setzte mich durch, bis sie sagten: ‘Okay, komm einfach rum. Wir können den Termin schon irgendwie dazwischen quetschen.“ 

20 Minuten nach ihrer Ankunft und dem sofort durchgeführten Ultraschall wurde Karijord auch schon in den OP-Saal geschoben: Sie und ihr Mann sollten danach gut zwei Monate in diesem Krankenhaus verbringen – auf und ab gehen zwischen ihrem kleinen Zimmer und dem Raum für die Frühgeburten, wo sie stundenlang ihr Baby „umgeben von piependen Maschinen“ beobachten sollten, „während andauernd irgendein Alarm losging und irgendwelche Krankenschwestern nach ihr sahen.“

Als Karijord dann ihr Baby schließlich selbst in den Armen halten durfte – obwohl die Tochter immer noch verkabelt war und beatmet wurde –, begann sie zu singen: „Sie war ja so unglaublich klein, und einer der wenigen Wege, wie ich mich ihr gegenüber mitteilen konnte, war durch meine Stimme, die Vibration meiner Brust, die ihren Körper berührte – fast so, als ob sie noch in meinem Bauch gewesen wäre“, erinnert die Sängerin sich. „Also sang ich und hörte gar nicht mehr auf, und viele der Melodien, die man auf diesem Album hört, stammen aus diesen endlosen Stunden im Krankenhaus. Ich weiß noch, wie ich bei mir dachte: Ich muss diese traumatische Erfahrung kanalisieren, muss daraus etwas machen, um das durchzustehen. Also schrieb ich unglaublich viele Texte, füllte ganze Notebooks und mein komplettes Telefon mit Notizen...“ 

Allerdings erzählt Karijord auch, dass gewisse Teile von Mother Tongue schon vor jenen schicksalhaften Monaten entstanden sind. Obwohl sie in der Regel die meiste Zeit daheim in der Nähe von Stockholm arbeitet, verbrachte sie einen Teil der Schwangerschaft in Hawaii, wo die Familie ihres Mannes lebt. Die Abgelegenheit von Hawaii ermöglichte es ihr jedoch, an ihre nordnorwegischen Wurzeln anzuknüpfen und damit gewissermaßen zu sich selbst zurückzufinden: „Ein sehr spiritueller Ort“, so ihr Kommentar über die Zeit in Hawaii, wo nicht nur das Titelstück, sondern auch „Waimanalo“ und „Morula“ entstanden, während auf „I Will Follow You“ auch die Hawaiianerin Kekuhi Keali’ikanaka’oleohaililani zu hören ist, „eine ganz spezielle Heilige“, wie Rebekka sagt. „Dieser Gesang hatte wirklich symbolische Wirkung für mich.“ 

Karijord, die neben ihren Alben die Musik für über 30 Filme, Modern Dance- und Theaterinszenierungen komponiert hat (und die obendrein selbst Stücke und Kurzgeschichten schreibt), sieht jedoch eine ganz klare Verbindung zwischen den vorher entstandenen Stücken und denen, die sie nach der Geburt komponierte: „Dieses Gefühl der Abgeschiedenheit da draußen mitten auf dem Ozean, diese gewaltigen Wassermassen und der Kontrollverlust, den so viel Wasser mit sich bringt: Das sind letztlich die perfekten Metaphern, um die Gefühle zu beschreiben, die ich danach hatte.“ Genau genommen beschreibt sie die Schwangerschaft und das Mutterwerden als „die denkbar größte Lektion in Sachen Kontrollverlust. Schwanger zu sein war ein dermaßen grandioses und verrücktes Gefühl zugleich: Da ist ein anderer Körper, der sich nimmt, was er braucht – ganz egal, wie ich dazu stehe.“ 

Und so bricht Karijord mit Mother Tongue denn auch in neue Klangregionen auf und präsentiert eine „Verschmelzung von Mensch und Maschine“, wie sie sagt. „Vielleicht hatte es etwas mit dem künstlichen Uterus zu tun: dem Inkubator, der unser Kind am Leben erhalten hat.“ Insgesamt habe sie mehr auf „das Zusammenspiel des Maschinenhaften und Metrischen – also Synthesizer, Elektronisches etc. – mit dem Menschlichen“ geachtet, womit sie sich auf organisch eingespielte Instrumente bezieht. „Zu einfache Lösungen und programmierte Beats habe ich bewusst ausgeklammert und stattdessen die akustischen Instrumente wie elektronische Elemente eingesetzt.“ Eine entscheidende Rolle spielt hier das Präparierte Klavier – dessen Klänge sie in analoge Delay-Geräte eingespeist hat –, das sie oft zusammen mit Martin Hederos (Soundtrack Of Our Lives, Tonbruket, Ane Brun) gespielt hat, um so den Klang von Vintage-Synthesizern zu imitieren. Sie spielt dieses Instrument nun schon ihr ganzes Leben, und diese Rückkehr – nachdem sie auf dem gefeierten We Become Ourselves-Vorgänger von 2012 ganz andere Wege gegangen war – fühlte sich wie die einzig richtige Reaktion auf das Erlebte an. 

Wer vertraut ist mit Karijords früheren Aufnahmen, wird das Beben ihrer Stimme, ihren ganz eigenen Ansatz als Musikerin zwar erkennen, aber es ist doch klangliches Neuland, das sie auf Mother Tongue absteckt: Auf die ungeschönten Worte, die schon der Eröffnungstrack „Morula“ bereithält („My body is a home/To a will of its own“), folgen Gefühle wie Euphorie, Obsession und Dankbarkeit mit „The Orbit“ („Your gravity is my command“), bis sie mit „Your Name“ die eigentliche Geburt ganz schonungslos-knallhart in Worte fasst: „This is a riot of blood and steel/Bending me open, violently“. Auf die Angst und Erschöpfung von „Six Careful Hands“ („Still you weigh more than the sun, the stars, the moon, the universe“) und die erfrischende Direktheit von „Statistics“ („Oh how easily one falls out of touch/When life calls“) folgt schließlich ihr „Mausoleum“ – eine unglaublich eindringliche Hymne über Frauen und Mütter: „My mothers and their mothers and their mothers/I salute them here“. 

Aufgenommen in Hawaii, Stockholm und Oslo in den Jahren 2015 und 2016, wurde das neue Album von Karijord selbst produziert und arrangiert, wobei ihr Elias Krantz als Techniker, Co-Produzent und Toningenieur zur Seite stand. Während sie selbst einen Großteil der Keyboard-, Synthesizer-, Klavier- und Electronics-Parts einspielte, steuerte auch ihr Mann Jacob Snavely Bass und Elektronisches bei – wie auch „Co-Gehör“, wie Rebekka seine weitere Mitarbeit außerdem nennt. Darüber hinaus an den Aufnahmen beteiligt waren ihre guten Freunde Mariam Wallentin (Wildbirds & Peacedrums), Linnea Olsson und Nina Kinert (Gesang), Christopher Cantillo (Schlagzeug), Joe Williamson (Kontrabass) sowie ihr Album-Stammgast Anders Scherp (Schlagzeug und Tuned Percussion). 

Ungeniert offen und gefühlsbetont, ist Mother Tongue ein wahnsinnig persönliches und mutiges Statement – sowohl inhaltlich, als auch musikalisch. Es basiert auf Instinkten, jenen Instinkten, die Rebekka Karijords Tochter letztlich das Leben retten sollten, und handelt von jener Verbindung zu unserem Inneren, die wir alle irgendwie fühlen, aber viel zu häufig ausklammern und ignorieren. Es ist ein Statement für mehr Intuition, mehr Bauchgefühl, mehr Einfühlungsvermögen – das gepaart mit dermaßen instinktiven und aufrichtigen Melodien noch eindringlicher und einzigartiger klingt.

Artist: Rebekka Karijord

Album: Mother Tongue 

VÖ: 27. Januar 2017

Label: Control Freak Kitten Records


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