• dates
  • references
  • services
  • links

Johnny Flynn "Sillion"

„Albumtitel haben für mich wirklich eine ganz besondere Bedeutung“, sagt Johnny Flynn, „ja, sie bestimmen die Ausrichtung eines Albums wie ein Motto, wie eine Zauberformel. Und bei dem hier hat’s einfach sofort geklingelt.“ „Sillion“ heißt das vierte Werk des Briten, und es fließen darin verschiedene Elemente – die Freundschaft, Politisches, Poetisches – zusammen, wobei dieses Wort auch die Klangfarbe und die Grundstimmung der LP treffend zusammenfasst.

Es ist ein sehr altes, sehr, sehr seltenes Wort, das den harten Glanz frisch aufgepflügter Erde beschreibt, so geschehen im Gedicht „The Windhover“ von Gerard Manley Hopkins aus dem Jahr 1877: „Sheer plod makes plough down sillion shine“, heißt es da, und Flynn gefiel der Klang sofort, weil es „fast schon nach Science Fiction klingt, aber genau genommen weit in die Geschichte zurückreicht, zum frühesten Kontakt der Menschen mit der Erde.“ Ein Fan von Hopkins war er schon immer: „Seit mir ein Lehrer den ‘Windhover’ in der Schule gegeben hat. Seine Gedichte sind so nuanciert. So unglaublich gefühlvoll.“ 

In den Sinn kam ihm das Wort im Herbst 2016, nach dem Brexit, just in dem Moment, als der US-Wahlkampf in die heiße Phase ging – und die ganze Welt plötzlich kopfzustehen schien. „Ich hatte mit einem Mal das körperliche Verlangen, den Boden unter mir zu spüren, ihn anzufassen.“ Er las zu der Zeit gerade das Buch „The Running Hare“ von John Lewis-Stempel, das von alten landwirtschaftlichen Techniken handelt. „Da war mir klar, dass der Albumtitel mit Erde und Schlamm zu tun haben musste.“ Als er dann seine Gedanken mit dem befreundeten Autor Robert Macfarlane diskutierte, kam der mit dem Vorschlag „Sillion“ – „was an Brillanz nicht zu übertreffen war.“  Die Arbeit an der Musik hatte schon viel früher begonnen, unterbrochen von Phasen, in denen sich Flynn vermehrt der Schauspielerei und seiner jungen Familie widmete. „Vieles in meinem Leben wird von Deadlines, Schedules, Terminen dominiert, aber mein Songwriting funktioniert anders: Ich verdaue die Dinge ganz langsam. Es gibt da so ein vieldimensionales Element, das sich über die Zeit ausbreitet: Ganz viele Einflüsse und Ebenen kommen da zusammen, und dann warte ich meine eigenen Reaktionen ab – und wann ich das Gefühl habe, dass ein Stück fertig ist.“ Dabei hat sich sein Ansatz in den letzten Jahren verändert: „Ohne Kinder ging’s mir nur um Abenteuer, aber heute bin ich immer eher auf dem Weg nach Hause. Früher gab es nichts anderes: Ich wollte etwas provozieren, über das ich schreiben konnte, hatte immer Notizbücher dabei. Aber heute reicht mir eine Probebühne: Die Bühnenstücke, in diesen anderen Geschichten zu leben, mit der Sprache von anderen Menschen zu leben – das ist auch extrem inspirierend.“ 

Ein Großteil von „Sillion“ nahm Flynn auf, während er für den Regisseur Martin McDonagh in dessen Stück „Hangmen“ die Hauptrolle spielte: „Ich spielte da einen Psychopathen“, erzählt er, „was auch die düsteren Textpassagen erklärt – wie auch der Fokus auf die Niedertracht im Menschen.“ Der Song „In The Deepest“, der vielleicht düsterste Track des Albums, entstand aus einer Auftragsarbeit für einen Filmscore, und laut Flynn geht es da „um eine unheilvolle Vorahnung... der Song klingt so unglaublich bösartig und dramatisch.“ Auch „Barleycorn“ geht in diese Richtung: Eigentlich angelehnt an einen traditionellen Folksong, der sich in Zeiten wie unseren jedoch plötzlich ganz aktuell anfühlt, wenn Flynn auch Alfred Lord Tennyson die „Attacke der leichten Brigade“ vorlesen lässt, um den Ansturm des Pöbels zu illustrieren. Einen politischen Song wollte er mit „Jefferson’s Torch“ abliefern: Entstanden zwar lange vor dem Brexit und Trumps Siegeszug, „aber ich weiß noch, wie ich damals gelesen hatte, dass in jeder zweiten Generation eine Revolution ansteht“, erinnert er sich heute zurück. 

Zugleich fungiert der Song als verspätete Replik in Richtung Billy Bragg, mit dem Flynn vor ein paar Jahren eine hitzige Diskussion hatte: „‘Wo ist der Soundtrack zur Revolution?’ hatte er gefragt, und ich fand’s echt schwer, das zu beantworten. Ich wollte ihm widersprechen, sagen, dass es nichts ist, was man an der Oberfläche findet, sondern ein ganz neues Verständnis von Politik. Man weiß in der parteipolitischen Debatte ja eh oft nicht, was wahr ist, vieles davon ist bloß Semantik, aber wenn man dahinter schaut, dann weiß man es. Aber ich konnte dafür einfach damals noch nicht die richtigen Worte finden.“ Obwohl Politisches im Verlauf von „Sillion“ eine große Rolle spielt, ist es ein extrem persönliches, intimes Album geworden. Der Eröffnungstrack „Raising the Dead“ handelt z.B. vom Kennenlernen seiner neugeborenen Tochter: „Mein Vater ist gestorben, als ich gerade mal 18 Jahre alt war, und das war ein wirklich einschneidendes Erlebnis“, berichtet er. „Ein Teil davon schwingt auch immer in allem mit, was ich schreibe; alle großen Verluste, die man erlebt, kommen durch diesen Kanal zum Vorschein. Als dann meine Tochter geboren wurde, hatte ich sofort das Gefühl, dass sie ganz viel von meinem Vater hat. Und ich musste darüber lachen, über dieses Zyklische: in meiner Tochter wieder meinen Vater zu erkennen...“ 

Seiner Frau gewidmet sind die Songs „In Your Pockets“ und „Heart Sunk Hank“. Erster handelt davon, „wie wir uns in der Schule kennengelernt haben, zusammen aufgewachsen sind, und immer diese Lebenszyklen durchlebt haben: Momentan befinden wir uns in der Periode, in der man selbst Kinder bekommt.“ „Heart Sunk Hank“ hingegen ist teilweise von dem Folksong „Ten Thousand Miles“ inspiriert: „Nic Jones hat davon eine Version aufgenommen, auf die ich voll stehe. Sie ist ganz rein, wahnsinnig schön. Meine Frau allerdings hasst diese Version, und ich musste wieder lachen: Wie kann es sein, dass der Mensch, den ich so sehr liebe, diese Version davon hasst?!“ 

„Ich bin ja sehr viel unterwegs“, erzählt er weiter über das Stück und die damit verbundenen Themen Liebe und Abwesenheit. „Und ich sehe das immer alles ganz romantisch, genieße das Schmachten und Sich-Sehnen – und dann sagt meine Frau: ‘Jetzt mach mal halblang und komm einfach mal nach Hause!’“Unterwegs arbeitete Flynn auch mit einem Voice-o-Graph, jener Aufnahmekabine aus den Vierzigern, die es einem erlaubt, bis zu zwei Minuten Material am Stück aufzunehmen: „Es gibt nur noch zwei dieser Kabinen weltweit, und ich hatte die Gelegenheit, in London eine Version von meinem Song aufzunehmen, die deshalb jetzt wie so eine alte Blues-Scheibe klingt. Der Song sollte sich insgesamt wie eine Zeitreise anfühlen, vom Voice-o-Graph bis ins aktuelle Aufnahmestudio, und es gibt auch eine Stelle, an der man beides hört, in jedem Ohr einen Sound, eine Epoche.“ 

Derartige Experimente machen „Sillion“ aus, obwohl das neue Album zunächst ein minimalistisches Sixties-Garage-Album werden sollte. „Nur dann haben sich die Dinge irgendwie verselbständigt. David Beauchamp saß wieder einmal am Schlagzeug; er ist seit dem zweiten Album dabei. Adam Beach spielt Bass. Er treibt die Veröffentlichungen wie kein Zweiter voran, und er ist nicht nur mein bester Freund, sondern auch ein grandioser Producer. Joe Zeitlin spielt Cello, wie gehabt also, und Dave Tattersall spielt Gitarre auf ‘The Landlord’. Und dann singen noch meine Schwester Lillie und meine Freundin Holly Holden, und Cosmo Sheldrake hat etliche Sounds beigesteuert und Instrumente eingespielt.“ Dazwischen bleibt genügend Freiraum für die Poesie: Der „Wandering Aengus“ stammt aus William Butler Yeats’ gleichnamigem Gedicht, „weil ich schauen wollte, wie sein wirklicher Song eigentlich klingen würde“, so Flynn. „In der Natur zu sein, ganz stille Orte aufzusuchen, an denen kurz zuvor etwas geschehen ist, und die Rückstände davon liegen noch in der Luft...“ 

Auch das Stück „The River“ von Jez Butterworth war eine Inspirationsquelle – wobei auch da das besagte Gedicht eine Rolle spielt. „Mich hat schon immer fasziniert, was mit einem passiert, wenn man alleine in der Natur ist. Ich bin in der Nähe eines Flusses aufgewachsen; unterwegs mit meinem Vater, da gab’s Momente, in denen ich wirklich außer mir war vor Aufregung.“ 

Robert Macfarlane ist dann auf „Tarp in the Prop“ noch einmal zu hören. Macfarlane und Flynn waren von der St Andrew’s University zu einer Serie von Talks zwischen Musikern und Autoren eingeladen worden, und um sich darauf vorzubereiten, hatten sie einen gemeinsamen Spaziergang entlang des River Lea gemacht. „Ich schrieb dann einen Song darüber und er ein Gedicht. Zusammen wurde daraus ‘Tarp in the Prop’“, berichtet er. „Während wir am Ufer entlangliefen, sahen wir ein gestrandetes junges Paar: Der Mann stand auf dem Dach des Bootes und rief, dass sich etwas in der Schraube verfangen hatte – ‘there’s a tarp in the prop!’ Für uns wurde daraus das perfekte Sinnbild für alle kleinen Hindernisse, die den sonst so geschmeidigen Fluss der Dinge durchkreuzen.“ 

„Sillion“ ist kein gewöhnliches Album; die Einflüsse, die hier zusammenkommen, sind „counter, original, spare, strange“, um es komprimiert mit Hopkins, dem titelgebenden Autor zu sagen. Es ist von einer Leidenschaft durchzogen – für die Natur, die Menschheit, für einen humorvollen Blick auf die Welt. Oder um es in Flynns Worten zu sagen (der damit eigentlich nur die Wahl des Titels genauer erklären wollte): „es geht um das menschliche Bestreben, eins zu werden mit der Welt, von der er doch stets getrennt bleiben muss. Es geht um dieses Ein- und Ausatmen.“

Artist: Johnny Flynn

Album: Sillion

VÖ: 24.03.2017

Label: Transgressive

Vertrieb: Roughtrade


homecurrent releasesdatesreferencesserviceslinkscontactimpressum