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Tom Schilling & The Jazz Kids "Vilnius"

A star is born. Tom Schilling — Sänger und Songwriter der Band Jazz Kids. Diesen Namen muss man sich merken. Sein Debütalbum „Vilnius“ besteht aus zehn Songminiaturen, die klingen, als hätte Tom Schilling in seinem Leben nie etwas anderes gemacht, als grimmige Songs zu schreiben und um sein Leben zu singen.

„Manchmal bring ich dich zum Weinen, manchmal raub’ ich den Verstand /

Manchmal bin ich nicht zu greifen, doch du reichst mir deine Hand /

Ich liebe was du fühlst und ich liebe was du sagst /

Es wird schwer dich zu vergessen, wenn du mich nicht mehr magst“

(aus dem Song: „Schwer dich zu vergessen“)

Auf seine Band, die Jazz Kids, war der deutsche Filmregisseur Jan-Ole Gerster 2012 während der Dreharbeiten zu „Oh Boy“aufmerksam geworden, als die Band im Deutschen Theater unter ihrem eigentlichen Namen Major Minors gemeinsam mit Studio Braun auf der Bühne standen. Gerster engagierte die Band, um den Score zu „Oh Boy“ zu schreiben, und Tom Schilling, der in dem Film die Hauptrolle spielte, freundete sich mit Schlagzeuger Philipp Schaeper und Pianist Christopher Colaco an. 

Und heute, auf „Vilnius“, spielen die Jazz Kids gar keinen Jazz mehr, sondern eher eine etwas existenziellere Musik, die an die frühen Element of Crime erinnert, an Weill und Brecht. Auch die genau beobachteten Texte Tom Schillings wollen nicht um jeden Preis gefallen: „Seine Welt ist geteilt in Schatten und Licht / Seine Liebe ist endlos - das Leben wohl nicht“, singt Schilling in der „Ballade von René“. Im Berliner Nachtleben kann man die Major Minors noch immer gelegentlich erleben wie sie Jazz spielen.

Tom Schilling: „Es gibt viele Liebeslieder auf meiner Platte, aber es sind nie Oden an die Liebe, sondern es gibt auch Nachtreten, über Bande ausgesprochene Liebe und Anti-Liebeslieder. Es handelt sich ausschließlich um persönliche Songs. Mich interessiert das Tragische und das Dramatische viel mehr als fröhliche Happy-go-Lucky-Songs zu singen.“

Der Sänger ist ein Fan von Nick Cave. Dessen Herangehensweise an desillusionierte Balladen und gemeine Liebeslieder hat ihm die Augen geöffnet. 1999 hielt Nick Cave einen einstündigen Musikvortrag mit dem Titel „The Secret Life of the Love Song“ in der Londoner Royal Festival Hall, der ganz offensichtlich Spuren bei Tom Schilling hinterlassen hat.

„Trink endlich aus und dann mach, dass du gehst / 

Nimm dir den Koffer – pack’ alles ein - und mach, dass du gehst /

Deine Sätze sind hohl – deine Versprechen sind leer /

Und schön find’ ich dich schon seit Jahren nicht mehr“

(Aus dem Song: „Kein Liebeslied“)

Tom Schilling kommt als Schauspieler — natürlich — vom Wort. Er merkt an, dass er immer sehr viel gelesen hat, sich für die Sprache der Autoren, ihren Slang, den smell der Worte viel mehr interessierte als die Frage, wer zum Schluss der Mörder war. Diese Liebe zur deutschen Sprache findet sich in jedem der neun Eigenkompositionen auf „Vilnius“ — der zehnte Song, „Kinder (Sind so kleine Hände)“, ist bekanntlich ein Protest-Song von Bettina Wegner aus dem Jahr 1976. Freilich geht dem Lied in Tom Schillings Interpretation dankenswerterweise das Pathetische gänzlich ab. In seinen Händen und mit seiner Intonation wird das Lied zum echten Liebeslied.

Im Rahmen der Aufnahmen und des Arrangierens seiner Songtexte erwies sich Tom Schilling übrigens als Stand-up-Bandleader, der während des gesamten Prozesses klare Vorstellungen von seiner Musik hatte, sich zugleich aber total offen gegenüber musikalischen Ideen und Vorschlägen der Jazz Kids zeigte. Man hat einander zugehört. Tom Schilling: „Ich liebe auch die Musik von Hank Williams. Ihm habe ich auch immer zugehört. Seine direkte Art hat mich schon immer angesprochen.“

Die Jazz Kids — und mit ihnen ihr Produzent Moses Schneider — vermochten es in der Folge, den Kompositionen Tom Schillings ein manchmal scheppernd-krachendes, manchmal zärtlich-verspieltes Korsett zu verpassen, in welchem stets der Gesang und die erzählte Geschichte mit der Musik, den Arrangements und den bemerkenswerten Production Values dieser Songsammlung verschmelzen. 

Unter Production Value versteht man in der Musikersprache gemeinhin die produktionstechnische Verdichtung und Amplifikation, die eine künstlerische Idee im Laufe eines Aufnahmeprozesses erfährt. Im Falle Tom Schillings verhält es sich so, dass der Production Value von „Vilnius“ darin liegt, dass sie sich so anhört, als würde es diese Platte schon seit Ewigkeiten geben — und wir haben sie nur gerade jetzt aus dem Plattenregal gezogen. Die Jazz Kids und Tom Schilling haben es vermocht, dass die schrägen Stimmungen und Sounds der Songs — und dazu zählen auch Verzerrung und Dissonanz — sich anfühlen, als wären sie uns lange vertraut. 

Tom Schilling: „Unser Produzent Moses Schneider hat sein Handwerk im Hansa-Studio gelernt, wo er unter anderem an Nick Caves ‘Tender Prey’ Album als Tonassistent beteiligt war. Mir war dieser Hintergrund wichtig, ich wollte unbedingt, dass man sich als Künstler und Produzent wortlos versteht, blind. Das ist eine Parallele zum Film. Bei den guten Filmen sind eigentlich auch nie viele Worte nötig gewesen. Von Moses kam zudem die geniale Idee, dass die meisten Stücke auf dem Album mit dem Kontrabass aufgenommen werden sollten und nicht mit dem E-Bass. Das gibt der Platte einen ganz eigenen Klang.“

Im Endeffekt ist es so, dass „Vilnius“ als Sammlung von zehn Songs embedded erscheint in eine längere Geschichte, die weit vor Tom Schilling begonnen wurde, und in die er sich nun, im Jahr 2017, einklinkt. Wohl auch daher sind so viele Lieder  im 3/4- oder 6/8- Rhythmus geschrieben worden. Dieses Album ist wie ein Freundschaftsangebot. Wir schauten auf die See und wurden Freunde.

Das Cover von „Vilnius“ hat übrigens Gerhard Richter gemalt. Es handelt sich um eines seiner „Seestücke“. Für gewöhnlich ist der gegenwärtig teuerste Maler der Welt mehr als zurückhaltend, wenn ein Musiker fragt, ob eines seiner Bilder für ein Albumcover benutzt werden darf. Sonic Youths „Daydream Nation“ und Tom Schillings „Vilnius“ gehören nun zu den berühmten Ausnahmen.

Zum Songschreiber wurde Tom Schilling kurz nach der Jahrtausendwende, als Jan-Ole Gerster ihm eine Gitarre schenkte. Er lernte das Instrument und dazu noch das Spiel auf dem Klavier autodidaktisch. Und er begann mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten, eigene Stücke zu schreiben. Viele eigene Stücke.

Tom Schilling: „Diese Platte ist eine sehr, sehr zarte Pflanze. Die hat sehr lange gebraucht. Die zehn Stücke, die es auf die Platte geschafft haben, sind über einen Zeitraum von elf Jahren entstanden. Es hat bei mir länger gedauert als bei anderen, aber ich musste ja nicht nur die Instrumente erst erlernen, sondern zudem auch meine Rolle und vor allem meine Stimme erst finden. Viele andere Stücke, die in dieser Zeit entstanden sind, werden wir auf unseren Livekonzerten spielen.“ 

Abschließend noch ein Wort zu Tom Schillings Popularität als Schauspieler. Seine Filmographie und seine Hauptrollen haben ihn in den letzten Jahren zu einem A-List-Star in Deutschland gemacht. Gleichwohl ist dies hier seine Debütplatte als Sänger und Songwriter, und deshalb ging es hier und heute auch ausschließlich um „Vilnius“ und seine Hintergründe. Bekanntermaßen ist der singende Schauspieler ein problematisches Feld, da er mit einer Vorab-Bekanntheit ins Feld zieht, während viele Sänger Jahre arbeiten müssen, um eine annähernde Anerkennung auf dem Feld der Musik zu erreichen.

„Vilnius“ indes ist Tom Schillings Antwort auf diese Problematik. Es ist ein Singer-Songwriter-Album mit einer ganz eigenen Klangarchitektur, die auf eine ganz große Erzählung verweist, die es schon vor dem Sänger gegeben hat. So eine Platte muss man sich überhaupt erst einmal trauen. Abgesehen davon, dass wir es uns von jeder Platte wünschen und doch nur selten bekommen. A star is born.

„Vilnius“ von Tom Schilling & The Jazz Kids erscheint am 21. April 2017 bei Embassy of Music/Warner & Zebralution.


„VILNIUS TOUR“ über Selective Artists:

02.05. Hannover, Musikzentrum

03.05. Münster, Gleis 22

04.05. Leipzig, UT Connewitz

05.05. Gera, Songtage

07.05. München, Strøm

08.05. Heidelberg, Karlstorbahnhof

09.05. Frankfurt, Brotfabrik

10.05. Köln, Stadtgarten

11.05. Hamburg, Nochtspeicher

12.05. Berlin, Columbiatheater


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