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Carl Craig "Versus"

In den Abendstunden des 18. Mai 2008 konnte man in der Pariser Cité de la Musique zwei Stunden lang ungewöhnliche Klänge vernehmen, denn das Orchester Les Siècles und dessen Dirigent François-Xavier Roth vertonten dort die Kompositionen von Carl Craig: Sechs wegweisende Stücke des Techno-Producers – „Desire“, „Dominas“, „At Les“, „Technology“, „Darkness“ und „Sandstorms“ – wurden an jenem Abend in vollkommen neue Klangsphären überführt, wie auch „City Life“ von Steve Reich und Bruno Mantovanis Komposition „Streets“. 

Zweifache Standing Ovations und gleich vier Zugaben ließen danach keine Fragen offen: Dieser klangliche Clash der Titanen war weitaus mehr gewesen als bloß irgendein beliebiges Mash-up. Der bedeutsame Konzertabend, in dessen Rahmen sich der Hedonismus der Clubwelt für einen Moment in den heiligen Hallen der Hochkultur ausbreiten durfte, brachte zwei Genres zusammen, die aus vollkommen unterschiedlichen Galaxien zu stammen schienen – dabei stellte sich schon an diesem Abend heraus, wie porös derartige Abgrenzungen doch sind, wenn man diese Welten aufeinander loslässt. Schmunzelnd erinnert sich Carl Craig heute noch daran, wie „das Publikum drauf und dran war, mit den Fingern den Beat mitzuschnipsen. Alle im Raum waren kurz davor, aufzustehen und zu tanzen – und François-Xavier bekam einen ersten Vorgeschmack davon, wie es ist, als DJ einen Raum in eine Party zu verwandeln. Wir gingen ab wie zwei Kids, die einen Süßwarenladen plündern: Ich gab ihm die Tour durch mein Universum und er zeigte mir seins.“ 

Jener „Versus Live“ betitelte Abend in der Cité de la Musique war die erste richtige Produktion dieser Art, wobei es durchaus Vorläufer und Vorboten gab: Schon kurz nach der Jahrtausendwende trat das Detroit Symphony Orchestra an Carl Craig heran und machte den Vorschlag, einzelne Stücke des Producers als Orchester zu adaptieren. Obwohl das Projekt in dieser Form nie realisiert werden sollte, ebnete Alexandre Cazac, der Mitbegründer und Art-Director des Labels InFiné, bald darauf den Weg: Ab 2004 arbeitete er daran, Roth und die Verantwortlichen des Cité für ein derartiges Abenteuer zu begeistern. Als dann Les Siècles im Boot waren und die Venue bestätigt, musste noch ein Komponist gefunden werden, der Craigs Tracks in Partitionen überführt, damit ein Symphonieorchester die Stücke überhaupt spielen konnte. An dieser Stelle kam der Pianist Francesco Tristano ins Spiel, der unlängst auf seinem „Not for Piano“-Album diverse Detroit-Klassiker mit dem Klavier interpretiert hat (wie z.B. auch einen Track von Autechre). Schließlich holte Carl noch seinen alten Freund Moritz von Oswald dazu, dessen Maurizio-Projekt die Minimal-Bewegung erst ausgelöst hatte und vom Dub in den Techno überführte.

Carl Craig (47) stammt bekanntermaßen aus Detroit, jener einstigen Autostadt, die sich nach Soul, Funk und Rock auch als idealer Nährboden für Hip-Hop und schließlich Techno entpuppen sollte. Mit Anfang zwanzig, Anfang der Neunziger, produzierte er seine ersten Techno-Tracks, an einem Zeitpunkt also, an dem das Genre bereits seine ersten Helden hervorgebracht hatte: Derrick May, Kevin Saunderson und Juan Atkins. Im Verlauf der nächsten beiden Jahrzehnte sollten der Autodidakt (der seine Produktionen zudem unter etlichen anderen Synonymen veröffentlichte, u.a. 69, Paperclip People, Tres Demented, Psyche und Innerzone Orchestra) und sein Label Planet-e nicht nur unzählige Singles und Remixe veröffentlichen, sondern auch echte Album-Meilensteine vorlegen – so z.B. Landcruising und More Songs About Food and Revolutionary Arts. Da ihm die Rolle als Repräsentant der Techno-Szene von Detroit nicht genug war, machte Craig eine ganze Reihe von Vorstößen in ganz andere Klangregionen – ein Beispiel wäre sein Innerzone Orchestra-Projekt (an sich eine Art Blaupause für Drum & Bass), das an der Schnittstelle zwischen Jazz und Electronica operierte. Später rief er dann das Detroit Music Festival ins Leben, um internationale Künstler in die Stadt zu holen, wie auch die 501-C3 Foundation, die es sich zur Aufgabe macht, Kinder mit neuen musikalischen Underground-Strömungen vertraut zu machen. „Ich will Musik produzieren, die in einem Clubkontext genauso gut funktioniert wie mit einem Klassik-Orchester oder wenn ein Jazz-Ensemble die Tracks spielt“, bringt er seinen Ansatz auf den Punkt. 

Schon deshalb lässt sich das Versus-Projekt unmöglich auf diese eine Aufführung reduzieren. Es ist ein offener Prozess, ein Work-in-Progress, was zugleich perfekt die Philosophie von InFiné widerspiegelt – und es ist nicht nur eine Plattform, auf der neue Genre-Hybride entstehen sollen, sondern zugleich eine Art Geschenk, das sich das Label zum zehnjährigen Jubiläum selbst macht. So entstand aus den ersten Aufnahmen (2010, Studios Davout) schließlich ein komplettes Album, auf dem neben den Orchester-Versionen von Craig-Klassikern auch zwei Kompositionen von Tristano vertreten sind. Carl Craig hat die Arrangements von Tristano persönlich im Studio überarbeitet und sich dafür Johann Pätzold (Secret of Elements) an die Seite geholt. 

In den neuen Arrangements, die extrem dicht und dabei doch ganz leicht und fragil wirken, wird die Zeitlosigkeit von Tracks wie „At Les“ und „Darkness“ sehr deutlich. Insgesamt ist dieses neue Album ein logischer nächster Schritt in der Diskographie von Carl Craig, in der immer wieder andere Künstler auftauchen, bearbeitet und reinterpretiert werden (man denke an LCD Soundsystem, Hot Chip, Caribou, Yello), in dem es imaginäre Soundtracks zu bekannten Filmen gibt oder eben auch Exkurse in Jazz- und Klassik-Regionen (zB mit Moritz von Oswald auf Deutsche Grammophon 2008). Versus setzt diese Herangehensweise konsequent fort, wenn Craigs Tracks aus dem klassischen Techno-Kontext in den Bereich zeitgenössische Klassik überführt werden. 

Parallel zur Albumveröffentlichung entstehen aktuell weitere Versus-Ableger, denn auch das Versus Synthesizer Ensemble steht bereits in den Startlöchern: Ein Live-Konzept unter der Leitung von Carl Craig, basierend auf sechs Synthesizern und einem Klavier. Der Startschuss für die Tour des Ensembles fällt beim Movement Festival in Detroit, wobei danach durchaus auch Shows mit komplettem Orchester auf dem Programm stehen. Die Grundpfeiler des Versus-Universums sind Transformation, Remix, Reinterpretation. Es geht um die Erschaffung und Erkundung neuer Ausdrucksformen, indem starre Modelle und Hierarchien hinterfragt und Welten zusammengedacht werden, die vielleicht gar nicht so weit auseinander liegen. Es ist ein offenes, optimistisches Projekt, das Carls Motto sehr gut widerspiegelt: „Es geht darum, die Wahrnehmung des Publikums zu verändern, die Leute zu überraschen, und zugleich den Staub von konventionellen Musikbegriffen zu pusten, deren Platz in der Welt und ihr Publikum neu auszuloten – ohne dabei alles zerschlagen zu wollen.“ 

Artist: Carl Craig

Album: Versus

Label: InFiné / Planet E

Vertrieb: Roughtrade

VÖ: 05.05.2017


TRACKLIST:

CD / DIG/ LP

1.   Enter the Darkness

2.   Darkness

3.   Coding Sequence

4.   Sandstorms

5.   At Les

6.   You're Our Best and Only Friend

7.   Desire

8.   Barcelona Trist

9.   The Melody

10. Domina

11. Error In Replication

12. C-Beams Glitter

13. Technology

14. Coding Cycle

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