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Washed Out "Mister Mellow"

Langeweile. Faulheit. Totale Teilnahmslosigkeit. Ist es nun schon eine so genannte Quarter Life Crisis – oder einfach nur eine Ausrede, um bloß nie erwachsen werden zu müssen? Fragen wie diese sind die Eckpunkte jener Welt, in die Washed Out (in seinem Pass steht Ernest Greene) mit seinem ambitionierten neuen Visual-Album Mister Mellow aufbricht...  Für viele, viele Vertreter der Generation Y ist das Leben dermaßen dramatisch und problematisch, dass es mithin schon absurde Züge annimmt. Und die Methoden, mit denen sie sich abzulenken versuchen von den ganzen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten, die zu ihrem Alltag gehören, sind dabei nicht weniger absurd – da ist alles von Social Media bis hin zu Fantasy-Welten dabei, von Drogenexzessen bis zu Musik-Eskapismus. Mister Mellow, das erste komplett als Multimedia-Werk angelegte Album von Washed Out, führt durch all die Höhen und Tiefen dieser oftmals lächerlichen Alltagskämpfe und beleuchtet dabei augenzwinkernd auch das große Paradox, dem man immer wieder begegnet: Wie kann es sein, dass wir dermaßen unzufrieden und gelangweilt sind, wo wir doch eigentlich alle erdenklichen Privilegien genießen und somit mehr als zufrieden sein könnten?

Gewiss kein neues Thema für Washed Out: Schon auf der „Life of Leisure“-EP von 2009 ging es um diese Frage, aber dieses neue Visual-Album, an dem er ganze zwei Jahre gearbeitet hat, wirft sowohl inhaltlich als auch musikalisch ein vollkommen neues Licht auf die Angelegenheit. 

Klanglich lässt Mister Mellow die von Synthesizern dominierten Sounds der letzten Veröffentlichungen genauso hinter sich wie jenen „Band-Sound“, den man auch schon auf Vorgänger-Veröffentlichungen via Sub Pop (USA) bzw. Domino (Europa) hören konnte. Stattdessen dominieren auf Mister Mellow eher experimentelle Collage-Techniken à la musique concrète sowie die Herangehensweise von Plunderphonics-Vertretern wie z.B. The Residents: Free Jazz, House, Hip-Hop und Psychedelic haben allesamt ihren Platz in dieser Welt, in der auch Interlude-artige Voiceover-Samples aufblitzen – z.T. aus anonymen YouTube-Vlog-Quellen –, woraus sich insgesamt ein hektisch-chaotisches und karikaturistisches Mix ergibt, in dem sich die reizüberflutete Psyche dieser Generation widerspiegelt. Auch haben Greene und sein einziger Mitstreiter, der mit einem Grammy ausgezeichnete Sound-Engineer Cole MGN, die Stücke bewusst nicht allzu sehr glatt geschliffen: „Meine letzten Alben waren ja sehr clean und gewissermaßen klassisch, was die Herangehensweise anging: Es waren direkt eingespielte Instrumentalaufnahmen, die wir in modernen Studiosettings eingespielt haben. Dieses Mal lautete jedoch die Idee, wieder etwas mehr Raum für Chaos zu lassen – und ich wollte einfach versuchen, meine Songs aus den seltsamsten Sounds zu stricken.“ Weil er seinen Ansatz wieder einmal neu erfindet und weiterdenkt, das Zeitgeschehen aufsaugt aber auch nie davor zurückschreckt, sich Trends zu widersetzen, wirkt es auch absolut logisch und passend, dass Greene nunmehr beim legendären Hip-Hop-Label Stones Throw gelandet ist – seit vielen, vielen Jahren schon erste Adresse für alle, die auf Beats stehen. Auch sein Verständnis davon, was ein Album heutzutage sein kann, ist alles andere als gewöhnlich: In einer Zeit, in der man einfach seine Singles zu Alben zusammenfasst und häufig auf einen einzigen Regisseur für die eigene Video-Identität setzt, hat sich Greene dazu entschlossen, gemeinsam mit 11 (Video-)Künstlern die visuellen Aspekte seiner Musik in den Vordergrund zu stellen - mit einem Visual-Album. Der visuelle Teil, in dem alles von Collage bis Claymation, vom gezeichneten Clip bis Stop-Motion dabei ist, ist nämlich genauso zentral für Mister Mellow wie die Musik. Anstatt auf den Hyperrealismus von reinen Computeranimationen zu setzen, haben alle Visuals dabei etwas Handgemachtes, Menschliches an sich – und schon deshalb sind sie das perfekte Pendant zu den neuen Kompositionen. Schließlich treffen so sorgfältig gestrickte Klangcollagen auf ähnlich persönliche visuelle Collagen, Marionetten- oder Claymation-Clips: Genauso „unvollkommen und verzweifelt“ seien diese Bildwelten, so Greene; auch in ihnen sei „eine verzerrte, impressionistische Weltsicht“ zu erkennen. 

Auf Mister Mellow macht Washed Out ganz bewusst einen Bogen um große Emotionen, um so die Welt, die ihn und uns alle umgibt, noch detaillierter fassen – und besser mitfühlen zu können. „In den letzten Jahren interessieren mich derartige Gefühle und diese ganze Sentimentalität immer weniger“, so Greene. „Ich glaube fast, dass ich damit letztlich aufs Älterwerden reagiere, darauf, dass ich mehr Verantwortung habe. Vielleicht ist es Nostalgie und ich sehne mich einfach nach einer Zeit in meinem Leben, als ich einfach entspannen und alles um mich herum für einen Moment ausblenden konnte.“ Obwohl Mister Mellow ein extrem persönliches Album ist, dürfte die LP mit ihren Ideen und Beobachtungen die gelebte Realität vieler junger Erwachsener widerspiegeln... eine Realität, die oftmals lustig und traurig zugleich wirkt. 

Artist: Washed Out

Album: Mister Mellow"

VÖ: 30.06.2017

Label: Stones Throw Records

Vertrieb: Groove Attack


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