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Superorganism "Superorganism"

Manchmal begegnet man einer Band, deren Musiker kaum voneinander zu unterscheiden sind, weil sie alle nahezu identisch aussehen: Sie tragen die gleichen Lederjacken, den gleichen Haarschnitt und mitunter sogar den gleichen Gesichtsausdruck zur Schau. Bei der Formation Superorganism lässt sich von all dem rein gar nichts ausmachen – dafür sind diese acht jungen Nerds schlicht und einfach zu nonkonformistisch. Wenn man Orono, Emily, Harry, Ruby, B, Robert, Tucan oder Soul, so die Namen dieser kreativen Lebenskünstler, zufällig auf der Straße begegnete, träfe man nicht nur auf eine Ansammlung grundverschiedener und höchst eigenwilliger Typen, man käme auch wohl kaum auf die Idee, dass sie eine Band bilden, geschweige denn, dass sie gemeinsam in ein- und demselben Haus wohnen.

Was diese Rasselbande namens Superorganism jedoch in ihrer Unterschiedlichkeit vereint, ist ihr permanentes GefühlWissen?, dass sie allesamt Außenseiter sind. Sie stammen aus so unterschiedlichen Ecken der Welt wie Japan, Neuseeland, Südkorea, Australien und dem Vereinigten Königreich – zusammengeführt hat sie schließlich über alle geographischen Grenzen hinweg das Internet: Musik-Nerds, die sich in den einschlägigen Foren fanden und deren gemeinsame Vorlieben sie schließlich auch im wahren Leben einander näher brachten. So nah, dass sie schließlich ihre Zelte in einem unscheinbaren Reihenhaus in East London aufschlugen. Eine Wohn-, Lebens- und Kreativgemeinschaft der besonderen Art. Superorganism rührt von einer Art permanentem Status als Außenseiter. „Es ist ein bisschen wie Weihnachten unter Waisen. Wir sind alle Menschen, die sich nirgends dazugehörig fühlen, also versuchen wir, zueinander zu gehören“, so Emily.

Seit sie nach London gezogen sind, hat sie – ohne dass sie es irgendwie forciert, geschweige denn erwartet hätten – der Erfolg geradezu heimgesucht. Dabei kann dieser ganze Hype um die Band – ihr labyrinthisches Wirken im Internet, ihr spektakulärer Fernsehauftritt an Halloween bei Jools Holland, ihre Nominierung für die BBC Sound of 2018 Longlist und last but not least ihr selbstbewusstes Debütalbum, das einen ganz eigenwilligen Klangkosmos bildet – auf einen Schlüsselmoment zurückgeführt werden, der gerade mal eine Stunde in Anspruch genommen hat. 

Sie hatten schon einige Zeit in dem Haus in East London gelebt und gerade einige Demos für ein neues, noch unbenanntes Projekt zusammengestellt, als sie sich an Orono erinnerten, einen weiblichen Teenager. Sie hatte mit ihnen Kontakt aufgenommen, nachdem ihr über Youtube eine Indie-Band empfohlen worden war, in der auch einige Gründungsmitgliedern von Superorganism spielten. Als die Band dann in Japan ein Konzert gab, ging Orono hin, lernte die Band kennen und verbrachte mit ihnen den weiteren Abend im Hard Rock Cafe und den nächsten Tag im Zoo. Man blieb in Kontakt, und das Londoner Kollektiv fand Oronos Lo-Fi-Versionen von Weezer und Pavement ebenso cool wie ihre Lieblingsrezepte für kalte Soba-Nudeln. 

Nicht minder cool wäre es, dachten sich man sich in London, Oronos aparte Gesangsstimme auf einem Mix einer Demoaufnahme zu haben, die ihr dann aus London gleich mal geschickt wurde.

Orono besuchte zu dieser Zeit ein Internat in Maine, New England, und nahm umgehend mit dem Mikro ihres Laptops ein paar spontane Gesangszeilen auf. „I know you think I'm a sociopath, my lovely prey, I'm a cliché“, wisperte die 17-jährige mit einer feinen Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und kindlichem Übermut. Eine Stunde später schickte sie ihre Aufnahmen zurück – und kurz darauf war die Debütsingle „Something For Your M.I.N.D“ startbereit. Superorganism luden sie auf Soundcloud hoch … und der Song ging förmlich durch die Decke. Innerhalb von wenigen Tagen tauchte er im Musikmagazin The FADER auf, wurde auf BBC Radio 1 und in so ziemlich jedem angesagten Musik-Blog zum Thema. Frank Ocean spielte die Nummer in seiner Radioshow auf Beats 1, Ezra Koenig von Vampire Weekend ebenfalls. Anfragen von Managern und Plattenlabels häuften sich ebenso wie die Sympathiebekundungen von Fans aus aller Welt.

Zunächst war die Gruppe so überwältigt von dem riesigen Interesse, dass sie sich entschloss, ihre wahre Identität nicht preiszugeben, was jedoch das Interesse nur noch anstachelte und zu wilden Spekulationen führte, besonders seitens Journalisten, die ja nur mutmaßen konnten, wer hinter dieser Band steckt. Statt mit der Presse zu reden, konzentrierte das Kollektiv sich darauf, auf Spotify Playlisten zu veröffentlichen, bei der jedes Bandmitglied Einflüsse und musikalische Ideen posten konnte, und gründete eine WhatsApp-Gruppe, auf der Ideen zu Songtexten und Memes eingestellt wurden. 

Aus dieser auf der Cloud basierenden Zusammenarbeit entwickelten sich die Anfänge zu dem ersten Album. Nachdem Orono ihren Abschluss auf der High School absolviert hatte, zog sie zu ihnen nach London und die Gruppe war endgültig bereit, mit Aufnahmen zu beginnen. Die räumliche Nähe gab dem kreativen Prozess ungemeine Schubkraft; Klangspuren und Videofiles wurden von Zimmer zu Zimmer durchs Haus gereicht. Man darf sich das gerne vorstellen wie die Miniaturausgabe des legendären Brill Buildings mit dem Charme einer Hausbesetzerkommune, die sich um so ziemlich alles selbst kümmert: Musik, Artwork, Videos, Websites… 

Das Resultat klingt nur bedingt wie ein Debüt: Jeder Song schäumt über von einer Vielzahl von Samples und besticht durch eine perfektionistisch wirkende Produktion. Man gewinnt den Eindruck, dass hier eher versierte Veteranen am Werk waren, die ihr Meisterstück aufnehmen wollten, als junge Novizen, die sich musikalisches Neuland erobern. Kein Wunder, dass gelegentlich vermutet wurde, dass hinter Superorganism eine Supergroup stecke. „Meines Erachtens versuchen wir bei jedem Song, ihn wie moderne Popmusik klingen zu lassen, aber wir kriegen es nicht hin, daher wimmelt es auf den Songs von Fehlern und glücklichen Zufällen – und genau das ist so faszinierend “, erklärt Emily. 

Das Album weist vor allem jenen Forschergeist auf, der auch musikalische Querdenker wie Devo oder Beck auszeichnet. Stimmen und Ideen drängen sich mitunter stärker auf als die Songs selbst – sie repräsentieren gleichsam die Gegenwärtigkeit des schnellen Moments, von der auch unsereins geprägt ist. Superorganisms Hang zu obskuren Samples und Spoken-Word-Sequenzen fußt auf einen ähnlichen Enthusiasmus, Fundstücke zu verarbeiten wie bei den Avalanches. Doch sie mischen nicht nur die Karten neu, sondern haben eine mit Haken und Ösen versehene Handschrift entwickelt, zu der wabbelige Synthie-Sounds ebenso gehören wie waidwunde Bottleneckgitarren.

Zweifellos ist die Band besessen von den technologischen Möglichkeiten unserer Zeit – die für junge Künstler nicht viel mehr erforderlich machen als die richtige Software. Doch auch wenn Orono säuselt „there is something so affecting in the reflections on my screen“ oder in „Everybody Wants To Be Famous“ die unterschiedlichsten Identitäten ausprobiert werden, sehen sich die Musiker nicht als reine Produkte des Internetzeitalters. „Es ist eher so, dass wir das Internet als Metapher für etwas Reales nutzen“, orakelt Orono. 

Als die Band schließlich ihre Identität öffentlich machte, kamen sie bald darauf dem Wunsch der Fans nach einem Live-Auftritt nach und gaben ein ausverkauftes Konzert im Londoner Village Underground. Mit Unterstützung von Robert, ihrem Visual Artist, der von Anfang an auch fest zur Gruppe gehörte, avancierte der erste offizielle Gig zum audiovisuellen Leckerbissen, bei dem wilde Bildcollagen aus Doku-Footage und Cut-up-Cartoons die Wallpaper für die Band bildeten, die mit ihren frisch konzipierten Tanzbewegungen und kunterbunten Outfits dem ganzen einen Fantasy -Anstrich gab. The Wizard of Oz im Zeitalter von Hi-Fi und Wi-Fi. 

Innerhalb eines knappen Jahres ist aus einer Wohngemeinschaft von Kreativen ein globales audiovisuelles Wunderwerk erwachsen. Acht anarchische Außenseiter des Pop, die sich mit Fug und Recht als Superorganism begreifen dürfen, liefern ein wahrlich erfrischendes Debütalbum im noch so jungen Jahres 2018 ab. Man würde gerne wissen, was alles noch in den kommenden zwölf Monaten passieren wird. Just fantasize! 

Artist: Superorganism

Album: Superorganism

VÖ: 02.03.2018

Label: Domino

Vertrieb: GoodToGo


Superorganism im Netz:

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Soundcloud

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Ein Superorganism Game: www.escapetheinter.net  


Superorganism auf Tour:

22.02.18 Köln, Kantine

23.02.18 Berlin, Festsaal Kreuzberg

13.-16.07.2018 Melt Festival

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