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Vitalic "Voyager"

Gut fünfzehn Jahre sind es inzwischen, die Vitalic (in seinem Pass steht Pascal Arbez-Nicolas) an seiner persönlichen Techno-Definition arbeitet, an einem Sound, in dem ganz klar auch seine französischen Wurzeln durchschimmern, wenn er elektronische Beats und ultraeingängige Melodien zu seinem ganz eigenen Trademark-Style verbindet. Viele seiner Tracks – z.B. „Poney“, „La Rock 01“, „My Friend Dario“ oder auch „You Prefer Cocaine“ – avancierten sogar zu echten Club-Klassikern und trugen dazu bei, die Grenzen zwischen Techno, Disco, Rock und Pop immer mehr zu verwischen. Zugleich funktionierten diese Tracks wie eine Art Lebenselixier, ja wie eine Blaupause: Sie wurden zur Inspirationsquelle für eine Szene, die nach dem Ende des French Touch (French House) damit gekämpft hatte, etwas Spannenderes zu finden als z.B. Filter House.

So gesehen kann man Vitalic durchaus als Wegbereiter des French Touch 2.0 bezeichnen, denn er war es, der echte Banger wieder salonfähig machte und damit Frankreich zurück auf die internationale Dancefloor-Landkarte beförderte. Schon seine erste Produktion für DJ Hells Gigolo-Label scherte sich wenig um Genrekonventionen und vereinte ganz unterschiedliche Elemente zu einem Killer-Track: Melodien, Synthesizer, reine Energie. Es dauerte ab diesem Punkt nur noch wenige Jahre, bis auch die anderen Dance-Protagonisten aus Frankreich die neue Ära mitprägen sollten – eine Ära, die nun gar nicht mehr klassisch im Club, sondern live und auf Tournee stattfand. Es war Vitalic, der diese Revolution losgetreten hat – und ihm sollten Größen wie Daft Punk, Justice und Étienne de Crécy folgen... Seit seinem ersten Album OK Cowboys (2005), auf dem Vitalic Techno mit Bläserarrangements, 100.000-Volt-Stromgitarren mit verträumten Popmelodien (die wirklich zum Steinerweichen traurig waren) verschnürte, hat er sich mit jedem Release neu erfunden – und sein Disco-Verständnis, seine Vision dessen, was Disco sein kann, immer weiter verfeinert. Dieses Sich-neu-Erfinden ist seine größte Stärke, denn mit jedem neuen Ansatz entdeckt und erkundet er weitere Facetten, wirft, wie eine Discokugel, Licht auf eine andere Ecke und feilt so weiter an jenem Sound, den er selbst als Metal Disco bezeichnet – oder, etwas nüchterner „disco-poilue“, also struppiger, ungekämmter Discosound: Fuzzy Disco. 

Für Voyager, sein viertes Studioalbum, das er in den letzten zwei Jahren geschrieben und aufgenommen hat – und das er selbst als sein „discolastigstes“ Album überhaupt bezeichnet –, hatte Vitalic ursprünglich etwas sehr viel weniger Tanzbares im Sinn, einen Sound, der eher an die elektronische Musik der Siebziger anknüpft. Ein Ansatz, den er jedoch schon wenig später entschärfte: „Ja, während der Produktion änderte ich meine Meinung und arbeitete dann doch mit Beats“, berichtet Vitalic. Sein Voyager-Album hat sich daher auch ganz klar das kosmische Disco-Erbe der Eighties auf die Fahne geschrieben, dessen ekstatische Synthesizer die Handschrift von Pionieren wie Moroder, Cerrone, Patrick Cowley, Lime, Spacer, Carpenter und Gino Soccio tragen... Sowohl der Titel als auch das retrofuturistische Artwork von Voyager deuten bereits an, in welche Richtung Vitalic dieses Mal aufgebrochen ist: Sein neues Album ist eine vertonte Weltraumodyssee, ein eigener Kosmos aus Stücken, die zum Tanzen in der Schwerelosigkeit einladen, gefolgt von ruhigeren, melancholischeren Abschnitten – Freiraum, um z.B. den verlorenen Galaxien innerhalb dieses Universums nachzutrauern. Der Eröffnungstrack „El Viaje“ mit seiner lateinamerikanisch angehauchten Melodie ist die Startrampe für diesen kosmischen Trip: Analoge Synthesizer (u.a. ein ultraseltenes Buchla-Modell) geben den Ton an und stecken den Kurs ab. Die Schwerelosigkeit setzt ein und es beginnt der emotionale Rollercoaster-Ride: Auf die erste Single „Waiting For The Stars“, die neben Albumgast David Shaw mit unwiderstehlichem Disco-Pop inkl. Gimmicks à la „Funky Town“ aufwartet, folgt „Levitation“, ein Track, der selbst Publikumsrufe so integriert, wie nur Vitalic das kann, woraufhin „Eternity“ wie eine Art synthetische Oper wirkt – oder wie ein zeitgenössisches Hybrid-Update zu Wim Mertens und Klaus Nomi. Ganz anders hingegen ein Track wie „Lightspeed“, denn hier zündet Vitalic eine hundertprozentige Dancefloor-Bombe mit hartem Funk-Faktor, um gleich danach noch eine „Sweet Cigarette“ anzustecken: Der Geist von „Warm Leatherette“ (von The Normal) schwingt in diesem düsteren und rockigeren Track mit. „Hans is Driving“ ist ein elektrifiziertes Schlaflied, bei dem Miss Kittin im All verlorengeht, dabei aber mit einer Form von K.I. über den Sinn des Lebens philosophiert, und „Don’t Leave Me Now“ ist eine pulsierende Ambient-Coverversion vom gleichnamigen Supertramp-Stück. 

Als epischer Trip durch kosmische Weiten, der mitten rein ins pulsierende Herz des Dance-Universums führt, vereint Voyager letztlich genau jene drei Elemente, die Vitalics Sound von Anfang an so einzigartig gemacht haben: Ein Hauch experimenteller, kreativer Wahnsinn und Entdeckergeist, gepaart mit Killermelodien und einem Übermaß an Energie. Eine magische Formel, die Voyager zu einem Album macht, das man sich am besten mit den Füßen auf dem Dancefloor gibt, den Blick in den Sternenhimmel gerichtet. Oder umgekehrt – das geht auch.

Artist: Vitalic

Album: Voyager 

VÖ: 20.01.2017  

Label: Clivage Music

Vetrieb: Caroline International/ Universal Music


Live:

30.03.2017 Berlin  | Gretchen

31.03.2017 München | Technikum

01.04.2017 Köln | Gebäude 9

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